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Nachruf

Hanns J. Buchholz (* 17.12.1938 - + 06.02.2017)

Im Alter von 78 Jahren ist Hanns J. Buchholz, langjähriger Professor für Kulturgeographie an der Leibniz Universität Hannover und Gründungsdirektor des Leipziger Instituts für Länderkunde verstorben. Hanns J. Buchholz war zudem über zwei Jahrzehnte 1. Vorsitzender der traditionsreichen Geographischen Gesellschaft zu Hannover.

Aufgewachsen im Ruhrgebiet studierte Buchholz zunächst in Münster Geographie, Geschichte, Germanistik und Soziologie. Als Schüler des renommierten Stadtgeographen und Ostasienexperten Peter Schöller entschied er sich früh für eine wissenschaftliche Tätigkeit, die ihm insbesondere durch die Neugründung der Ruhr-Universität in Bochum sowohl herausragende Chancen als auch neuartige Herausforderungen bot. Diese, für Hanns Buchholz sehr prägende Bochumer Zeit spiegelt seine 1967 vorgelegte Dissertation wider; mit der sozialgeographischen Untersuchung über „Formen städtischen Lebens im Ruhrgebiet“ lieferte er einen über das eigene Fach hinausgehenden Beitrag zum Verständnis für die Intentionen und Motive dieser Zeit, erstmals im Ruhrgebiet eine Universität zu gründen.

Die Beschäftigung mit räumlichen Folgen von Demographie und Wohnen in dicht besiedelten Stadtregionen fand in seiner 1975 abgeschlossenen Habilitationsschrift „Bevölkerungsmobilität und Wohnverhalten im sozialgeographischen Gefüge Hong Kongs“ einen fachlichen wie persönlichen Höhepunkt: Begleitet von seiner Frau waren die gemeinsamen Aufenthalte in Ostasien (1970-72) und vor allem in der chinesischen Millionenmetropole wichtige Lebenserfahrungen.

Zusammen mit den beiden Söhnen zog die Familie 1981 nach Hannover, wo Buchholz bis zu seiner Pensionierung 2004 den Lehrstuhl für Kulturgeographie innehatte. Ausdruck der nun weiter intensivierten Hinwendung zum asiatisch-pazifischen Raum war hier etwa die Zusammenarbeit der Deutsch-Japanischen Geographen sowie seine durch eigene Forschungsprojekte vertiefte  Beschäftigung mit dem insularen Südpazifik. Neben der Vorlage der Fischer-Länderkunde Australien-Neuseeland-Südpazifik (1984) und zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge als Mitglied des „Scientific Committee on Geography“ der Pacific Science Association  war Buchholz auch in das politische Netzwerk zwischen Deutschland/Europa und dem Südpazifik eingebunden, u.a. durch seine auf Wunsch des Auswärtigen Amtes regelmäßig wahrgenommene Teilnahme als Beobachter an den Jahreskonferenzen des South Pacific Forums. Äußeres Zeichen der ihm in der pazifischen Inselregion entgegengebrachten Wertschätzung war sicher eine persönliche Audienz beim damaligen König Siaosi Tupou V von Tonga.

Überhaupt rückten in Hannover politisch-geographische Fragestellungen zunehmend in seinen Fokus, darunter – inspiriert durch seine Forschungen im insularen Südpazifik – die Folgen der seerechtlichen Neuordnung der Ozeane. Bedeutende Beiträge – über die IGU Commission on Marine Geography ebenso wie national im Arbeitskreis „Geographie der Küsten und Meere“ - mündeten über eine von ihm maßgeblich geprägte „Anthropogeographie des Meeres“ schließlich in konzeptionelle Ansätze zu einer „Raumordnung zur See“. Zumindest für die deutsche Geographie konnte Hanns J. Buchholz für sich in Anspruch nehmen, das „Integrierte Küstenzonenmanagement“ als fachübergreifende Koordination maritimer Nutzungs- und Schutzansprüche von der wissenschaftlichen Theorie bis zur praxisorientierten Anwendung fortentwickelt zu haben.

Ebenfalls seinem ausgeprägten politisch-geographischen Interesse entsprang seine langjährige Beschäftigung mit dem zweiten deutschen Staat in Forschung und Lehre. Nahezu alle seiner Studierenden und Mitarbeiter waren mit ihm zu einer – immer spannenden - Exkursion zwischen Ostsee und Erzgebirge unterwegs. Zahlreiche Aufsätze, Unterrichtsmaterialien und einige Nachschlagewerke wie das Diercke Länderlexikon Deutschland-DDR (1986) oder der Luftbildatlas Mecklenburg-Vorpommern (1992) sind bleibende Dokumente.

Insofern war es nur konsequent, dass die Überführung des einzigen außeruniversitären Forschungsinstituts der Humangeographie in die gesamtdeutsche Wissenschaftslandschaft in die Hände von Hanns J. Buchholz gelegt wurde. Von Anfang 1992 bis 1994 übernahm er die in jeder Beziehung schwierige Aufgabe des Gründungsdirektors im Institut für Länderkunde (heute: Leibniz-Institut für Länderkunde, IfL) in Leipzig. Die organisatorischen, wissenschaftlichen und - nicht zuletzt durch die Personalanpassung bedingten – menschlichen Herausforderungen dieses „Spagats“ zwischen Leipzig und Hannover lassen sich von außen kaum nachvollziehen. Die Option einer dauerhaften Übernahme des Direktorenamtes am IfL lehnte Buchholz nicht zuletzt aus Rücksicht auf seine Familie ab - er blieb dem Institut in Leipzig aber über seine Mitarbeit im Kuratorium noch einige Jahre weiter eng verbunden.

In Hannover rückten nun wieder seine Forschungsaktivitäten zum Küstenzonenmanagement und über den Südpazifik in den Mittelpunkt – ergänzt um Studien zum Wandel in Mittelosteuropa und um eine Gastprofessur in Wien. Auch als 1. Vorsitzender der Geographischen Gesellschaft zu Hannover (1986-2006) bereicherte er deren Veranstaltungen regelmäßig durch anregende Vorträge und beliebte Exkursionen – darunter dreimal nach China/Hongkong und sogar viermal in den Südpazifik; in Anerkennung seiner Verdienste verlieh die 1878 gegründete Gesellschaft Buchholz 2006 das selten vergebene Amt des Ehrenvorsitzenden.

Auch seine Pensionierung 2004 bedeutete keineswegs das Ende seiner Forschungsaktivitäten. Mit der Gründung eines Beratungsbüros übernahm er nun Gutachteraufträge vorrangig zum Küstenzonenmanagement und von 2006 bis 2007 wirkte er als Seniorprofessor an der damaligen Universität Lüneburg. Bereits 2002 zum korrespondierenden Mitglied der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) berufen, brachte sich Buchholz jetzt auch in die Arbeitsstrukturen der ARL ein, darunter in den AK „Maritime Raumordnung“.

2010 traf ihn mit dem frühen Tod seiner geliebten Frau „Dodo“ ein Schicksalsschlag, der sein Leben „auf den Kopf stellte“. Mit ihr, die stets auch fachlich mit Ratschlägen an seiner Seite war und für die sprichwörtliche Gastfreundschaft des Hauses in Hemmingen stand, fehlte ihm nun der Bezugspunkt im Leben. Er übernahm als Vorsitzender des Heimatbundes Hemmingen danach noch ehrenamtliche Tätigkeiten, zog sich aber doch mehr und mehr zurück. Zuletzt auch noch gesundheitlich angeschlagen ist Hanns Buchholz nun zu Hause friedlich entschlafen.

Seine Schüler, Mitarbeiter und Kollegen verlieren in Hanns Buchholz einen engagierten Wissenschaftler, der es mit seinem außerordentlichen Fachwissen und seiner umgänglichen wie menschlichen Art stets verstanden hat, ihre Herzen und ihren Verstand zu erreichen. Wir trauern mit seiner Familie.

Ludwig Scharmann

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